Eine anorektale Fehlbildung kann sehr unterschiedliche Ausmaße haben – von leichten Formen bis hin zu komplexen Fehlbildungen, die auch Harnwege oder Geschlechtsorgane betreffen. Beim Jungen kann eine Verbindung des Enddarms zur Harnblase oder Harnröhre vorliegen. Beim Mädchen mündet der Enddarm in den Scheidenvorhof (vestibuläre Fistel).
In der Klinik für Kinderchirurgie werden Neugeborene mit anorektalen Fehlbildungen nach modernsten medizinischen und chirurgischen Standards behandelt. Das erfahrene Team begleitet die Familien vom Moment der Diagnose an – mit Kompetenz, Einfühlungsvermögen und dem Ziel, jedem Kind eine möglichst normale Darmfunktion und Lebensqualität zu ermöglichen.
Diagnose anorektaler Fehlbildungen
Die Diagnose einer anorektalen Fehlbildung erfolgt meist direkt nach der Geburt bei der ersten Untersuchung, wobei eine fehlende oder fehlplatzierte Analöffnung auffällt, oft begleitet vom Ausbleiben des ersten Stuhlgangs (Mekonium). Wichtige weitere Schritte sind Ultraschall (Sonografie) von Bauch, Nieren und Harntrakt sowie Röntgenaufnahmen. Dadurch werden die Art der Fehlbildung, das Vorhandensein eines Fistelgangs (z.B. zur Harnröhre) und begleitende Fehlbildungen (Herz, Wirbelsäule) bestimmt. Bei Bedarf wird die Diagnose durch eine MRT ergänzt.
Hochspezialisierte Chirurgie von anorektalen Fehlbildungen
Die operative Korrektur der Analatresie bei Neugeborenen ist die zentrale Therapie der anorektalen Fehlbildung. Dabei werden die anatomischen Strukturen wiederhergestellt, Fisteln korrigiert und eine funktionelle Verbindung zwischen Darm und Haut geschaffen. Der Behandlungsablauf hängt ganz wesentlich von der vorliegenden Form der anorektalen Fehlbildung ab. Prinzipiell kommen nachfolgende Schritte in Betracht:
1. Anlage eines zeitweiligen Dickdarm-Kunstafters (Kolostoma / künstlicher Darmausgang) nach der Geburt
2. Einpflanzung des Enddarms an Sollstelle
3. Vorsichtige Dehnung (Bougierung) der neu geschaffenen Afteröffnung
4. Verschluss des Kunstafters
Das kinderchirurgische Team verfügt über langjährige Erfahrung in der rekonstruktiven Beckenboden- und Enddarmchirurgie und setzt dabei auf modernste minimal-invasive und roboter-assistierte Verfahren.
Die roboter-assistierte Chirurgie ermöglicht eine besonders präzise Darstellung und schonende Rekonstruktion der empfindlichen Strukturen im kleinen Becken – entscheidend für die langfristige Kontrolle von Stuhlgang, Kontinenz und Lebensqualität. Durch die hohe Präzision dieser Technik lassen sich postoperative Beschwerden reduzieren und die Heilung beschleunigen.
Die kinderchirurgische Versorgung orientiert sich konsequent an den aktuellen ERNICA-Guidelines (European Reference Network for Rare Inherited and Congenital Anomalies), die europaweit den Standard in der Diagnostik, Operation und Nachsorge seltener angeborener Fehlbildungen definieren. So wird eine Behandlung auf höchstem internationalen Qualitätsniveau gesichert.
Interdisziplinäre Versorgung und enge Zusammenarbeit mit SoMA e.V.
Die Behandlung anorektaler Fehlbildungen endet nicht mit der Operation. Eine langfristige und interdisziplinäre Betreuung ist entscheidend für die Entwicklung einer guten Darmfunktion, die Ernährungsumstellung und die psychosoziale Begleitung der Familien.
Die Klinik für Kinderchirurgie arbeitet daher eng mit der Patientenorganisation SoMA e.V. (Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Anorektal-Fehlbildungen und Morbus Hirschsprung) zusammen. Diese Kooperation ermöglicht es, betroffenen Familien frühzeitig kompetente Ansprechpartner außerhalb der Klinik zu vermitteln, Erfahrungen zu teilen und Unterstützung im Alltag zu bieten.
Diese enge Verbindung zwischen Klinik, Nachsorge und Selbsthilfe schafft für Eltern und Kinder ein Nachsorgeprogramm mit einem starken Netzwerk – medizinisch fundiert, menschlich begleitet.
Familienbezugspflege
Ein wesentlicher Bestandteil des Behandlungskonzepts ist im Marien Hospital Witten die strukturierte Nachsorge, für Kinder mit angeborenen Fehlbildungen, die individuell auf die Bedürfnisse jedes Kindes abgestimmt wird. Die Familienbezugspflege ist durch die kontinuierliche Betreuung Ansprechpartner für Eltern und unterstützt bei allen Fragen rund um Ernährung, Kontinenztraining, Wundheilung oder Stuhlmanagement – so werden Eltern und ihr Kind in jeder Phase optimal begleitet.
Im Rahmen der Familienbezugspflege steht jeder Familie eine feste Pflegefachkraft als Ansprechperson zur Seite, die die Familie und ihr Kind vom ersten Klinikaufenthalt über die Zeit nach der Operation bis hin zu den regelmäßigen Verlaufskontrollen begleitet. Im Mittelpunkt steht sowohl die Stärkung der elterlichen Kompetenz im Umgang mit der Fehlbildung ihres Kindes als auch die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung. Der Übergang vom stationären Aufenthalt in die häusliche Umgebung soll den Eltern erleichtert und mit einem Sicherheitsgefühl verbunden werden.