Obwohl gerade bei Kindern versucht wird, so lange wie möglich auf Operationen zu verzichten, können sie aufgrund der Auswirkungen der Wirbelsäulenerkrankung notwendig werden. Derartige Operationen stellen häufig einen erheblichen Eingriff dar, und benötigen eine gesonderte Infrastruktur mit speziellen interdisziplinären Möglichkeiten.
Als ein Zentrum der Maximalversorgung und damit großer Erfahrung werden im Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie und Schmerztherapie auch alle kindlichen Erkrankungen und deren Folgen der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule sowie der angrenzenden Strukturen konservativ oder mit entsprechenden Operationstechniken behandelt. Hierbei kommen alle operativen Zugänge von hinten, durch den Brustkorb oder den Bauch zur Anwendung. Infrastrukturell bestehen alle Möglichkeiten der hierauf ausgerichteten, interdisziplinären Zusammenarbeit (z. B. Kinderintensivstation, Kinderradiolge, Pädiatrie, Kinderpneumologe, Kinderkardiologe, Neuropädiater, Onkolge, etc.). Somit ist Tag und Nacht Maximalversorgung auch bei schwersten Operationen sowie eine effiziente Versorgung einer möglichen Grunderkrankung gewährleistet.
Für ambulante Vorstellungen oder Nachuntersuchungen gibt es für Kinder eine gesonderte Sprechstunde.
Häufige Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten, die in unserem Zentrum zum Einsatz kommen
Hierbei handelt es sich um seitliche Verbiegungen der Wirbelsäule (Skoliose) oder vermehrte Krümmung nach vorne (Kyphose) bis hin zu Ausbildung eines Buckels. Die übermäßige Krümmung nach hinten (Lordose) ist eher selten behandlungsbedürftig. Diese Formveränderungen können bereits beim Kleinstkind auftreten, sind häufig mit anderen Grunderkrankungen kombiniert und bedürfen zum Teil langwieriger und aufwendiger Therapieverfahren.
Sehr früh auftretende Skoliosen (early onset Skoliose) können ohne erkennbare Ursache entstehen sind aber meist mit anderen Erkrankungen kombiniert, wie z. B. kongenitalen Anomalien (z. B. angeborene Fehlanlage von Wirbelkörpern), neuromuskulären Erkrankungen (z. B. spastische oder schlaffe Lähmungen, Myelomeningozele, Muskeldystrophien), Systemerkrankungen (z. B. Neurofibromatose, Osteogenesis imperfecta, zahlreiche andere Systemerkrankungen) oder auch Tumoren.
Für die klassischen später auftretenden Skoliosen (idiopathische Adoleszentenskoliose), die häufig vor oder während der Pubertät auffällig werden, ist bis heute meist keine eindeutige Ursache erkennbar.
Kyphosen und selten Lordosen können ebenfalls bei allen genannten Grunderkrankungen auftreten, alleine oder in Kombination mit Skoliosen. Ausgeprägte, behandlungsbedürftige Kyphosen ohne erkennbare Ursache sind eher selten. Eine besondere Form stellt noch die Kyphose beim Morbus Scheuermann dar.
Je nach Schweregrad der Verkrümmung und Alter der Patienten reicht die Therapie von reiner Beobachtung, über Krankengymnastik, Korsett- oder Gipsbehandlung bis hin zu operativen Eingriffen. Gleichzeitig muss immer die Grunderkrankung mit berücksichtigt werden.
Aufgrund des Fortschreitens der Erkrankung und der erheblichen Auswirkungen werden häufig Operationen erforderlich. Hierbei wird über hintere oder vordere operative Zugänge versucht, mit entsprechenden Implantaten die jeweiligen Krümmungen zu begradigen oder aufzurichten, um die dreidimensionale Form der Wirbelsäule bestmöglich wieder herzustellen. Bei jungen Patienten können wachstumslenkende Verfahren zum Einsatz kommen, wie z. B. verlängerbare Stäbe über die Wirbelkörper (growing rods) oder die Rippen (VEPTR). Zur endgültigen Stabilisierung, bei höhergradigen Verkrümmungen oder in fortgeschrittenerem Alter muss die Wirbelsäule fest verknöchern, was nur durch starre Implantate möglich ist.
Hierbei handelt es sich um eine fehlende oder sich auflösende Verknöcherung (Spondylolyse) der sogenannten Wirbelbögen. Dadurch sind die jeweiligen Wirbelkörper untereinander nicht mehr fest verbunden und es kann eine Instabilität bis hin zu einem Gleiten (Spondylolisthesis) oder vollständigem Abrutschen (Spondyloptose) eines Wirbelkörpers nach vorne eintreten.
Je nach Ausprägungsgrad, bestehenden Schmerzen oder Nervenschädigungen können bei Versagen von konservativen Maßnahmen Operationen erforderlich werden. Selten ist eine reine Überbrückung der fehlenden Verknöcherung möglich. Meist muss der verschobene Wirbelkörper in seine ursprüngliche Form zurückgezogen und mittels Implantaten in dieser Stellung zur Verknöcherung gebracht werden.
Insgesamt sind schwerwiegende Verletzungen der Wirbelsäule bei Kindern verhältnismäßig selten. Nicht immer sind die Therapieschemata wie beim Erwachsenen anzuwenden, so dass jeweils individuelle Konzepte erarbeitet werden müssen. Bei schwereren Verletzungen oder Nervenschädigungen wird heutzutage eher eine frühzeitige operative Versorgung angestrebt, was mit der Entwicklung neuer Implantate auch für Kinder möglich geworden ist.
Entzündungen durch Bakterien (Infektionen) im Bereich der Wirbelsäule können auch bei gesunden Kindern ohne erkennbare Ursache auftreten. Bei fortbestehenden Schmerzen ohne eindeutigen Grund sind immer die entsprechenden Untersuchungen einzuleiten, insbesondere wenn zusätzlich immunschwächende Erkrankungen, wie z. B. Zucker (Diabetes mellitus) oder ähnliches vorliegen. Sind derartige Entzündungen nicht durch Gabe von Antiobiotika zu beherrschen oder treten Zerstörungen der Wirbelsäule, Eiteransammlungen (Abszess) oder Nervenschädigungen auf, werden auch bei Kindern Operationen erforderlich, die häufig von vorne und hinten erfolgen müssen. Meist müssen die Therapien über einen langen Zeitraum erfolgen.
Auch bei Kindern können Geschwülste (Tumor) an der Wirbelsäule auftreten, die gutartiger oder bösartiger Ausprägung sein können. Tochtergeschwülste (Metastasen) sind eher selten. Die Behandlungsstrategien sind je nach Tumor und Ausdehnung individuell. Häufig wird ein operatives Vorgehen angestrebt, um einen Tumor zu entfernen oder zu verkleinern. Die Operationen können komplex und sehr ausgedehnt sein. Häufig sind nachfolgende Maßnahmen im Sinne von Chemotherapie oder Bestrahlung erforderlich. Tumoren können schwerwiegende Erkrankungen sein, die auch mit Operationen nicht immer heilbar sind.
Beim muskulären Schiefhals (Torticollis) kommt es durch die Verkürzung oder Verhärtung eines großen Muskel der Halswirbelsäule zu einer Seitneigung und Drehung des Kopfes. Hierzu können Veränderungen der Halswirbelsäule selbst aber auch z. B. Seh- oder Hörstörungen oder Erkrankungen des Nervensystems führen. Häufig ist aber auch keine Grunderkrankung auszumachen.
Im Wachstum führt die Fehlhaltung des Kopfes zu einer asymmetrischen Entwicklung des Kopfes und des Gesichts. Somit ist eine möglichst frühzeitige Therapie einer etwaigen Grunderkrankung oder des Schiefhalses selbst erforderlich. Führt krankengymnastische Behandlung nicht zum Erfolg, kann die Möglichkeit des Versuches der Therapie mit Botulinum bestehen, um die Verhärtung des Muskels zu vermindern. Bei Versagen aller konservativen Therapien wird heutzutage frühzeitig die operative Durchtrennung des entsprechenden Halsmuskels, je nach Ausprägungsgrad in verschiedenen Techniken, angestrebt, um die Folgen möglichst zu verringern. Nachfolgend schließt sich eine orthopädie-technische und krankengymnastische Therapie an.
Neben sogenannten atypischen Veränderungen des Brustkorbes sind die häufigsten Thoraxdeformitäten die Trichtebrust (Pectus excavatum) und die Kielbrust (Pectus carinatum).
Die Trichterbrust wird meist aus kosmetisch-psychologischen Gründen behandlungsbedürftig, kann aber auch zu einer Beeinträchtigung der Herz-Lungenfunktion führen. Führen konservative Maßnahmen mittels z. B. Saugglocke zu keinem Erfolg, kann ein operativer Eingriff erforderlich sein. Neben dem konventionellen, teilweise ausgedehntem Eingriff kann auch in eher minimalinvasiver Technik unter endoskopischer Kontrolle eine spezieller Metallbügel im Brustkrob hinter dem Brustbein implantiert werden. Dieser wölbt bei noch vorhandenem Wachstum die Brust nach vorne und wird nach Abschluss der Behandlung wieder entfernt. Allerdings handelt es sich auch hierbei um eine Operation in unmittelbarer Nähe zu lebenswichtigen Körperstrukturen, so dass mögliche Risiken und Komplikationen nie vollständig ausgeschlossen werden können. Die urchführung einer solchen Maßnahme ist somit jeweils individuell genau abzuwägen.
Die Kielbrust bedarf meist keiner weiterführenden Behandlung. Hier können im Wachstum durch Druck auf das Brustbein mittels spezieller orthopädie-technischer Hilfsmittel Verbesserungen erreicht werden.