Morbus Bechterew (axiale Spondyloarthritis) und andere rheumatische Wirbelsäulenerkrankungen

Mann mit Rückenschmerzen

Unter Rheuma versteht man mehrere hundert verschiedene Erkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Das können Knochen, Sehnen, Gelenke, aber auch Organe sein. Nach aktuellem Stand ist Rheuma nicht heilbar. Aber das Fortschreiten rheumatischer Erkrankungen und ihrer Symptome lässt sich mit frühzeitiger Behandlung aufhalten.

Entzündlich-rheumatische Erkrankungen der Wirbelsäule werden unter dem Begriff Spondyloarthritiden zusammengefasst. Die häufigste Form ist Morbus Bechterew, auch axiale Spondyloarthritis (AxSpA) oder ankylosierende Spondylitis genannt. Sie äußert sich im späteren Verlauf der Erkrankung insbesondere durch eine knöcherne Versteifung der Wirbelsäule (Ankylose). Diese schränkt nicht nur die Beweglichkeit, sondern auch die Lebensqualität erheblich ein. Denn sie kann dazu führen, dass Betroffene dauerhaft auf den Boden schauen (Kyphose) und geht mit einem erhöhten Risiko für Verletzungen an der Wirbelsäule einher.

Für die Behandlung rheumatischer Wirbelsäulenerkrankungen arbeitet das Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie der St. Elisabeth Gruppe eng mit dem Rheumazentrum Ruhrgebiet zusammen, das ebenfalls zur St. Elisabeth Gruppe gehört.

Morbus Bechterew: Symptome bei Frauen und Männern

Morbus Bechterew äußert sich vor allem durch folgende Symptome:

  • tiefsitzende Rückenschmerzen im Lenden- und Gesäßbereich
  • nächtliche Rückenschmerzen, die den Schlaf stören
  • Morgensteifigkeit
  • Besserung der Symptome durch Bewegung
  • Ankylose: Verknöcherungen und damit Versteifung der Wirbelsäule im Laufe der Erkrankung
  • Atemprobleme bei fortschreitender Erkrankung
  • Kyphose: nach vorn gebeugte Haltung mit Blick nach unten bei fortschreitender Erkrankung

Bei Frauen verläuft die Erkrankung oft milder und schleichender als bei Männern, weshalb sie meist später erkannt wird. Frauen haben häufiger Schmerzen in der Halswirbelsäule und den äußeren Gelenken (z. B. Knie, Schulter, Ferse).

Eine akute Augenentzündung (anteriore Uveitis) tritt bei 25 % bis 35 % der Betroffenen auf und gilt als wichtiges Warnsignal, das unabhängig vom Geschlecht erscheinen kann. Früh erkannt und behandelt, lässt sich die Prognose deutlich verbessern – was zeigt, wie entscheidend eine zügige Diagnose für den weiteren Krankheitsverlauf ist.

Morbus Bechterew: Stadien der rheumatischen Wirbelsäulenerkrankung

Morbus Bechterew verläuft in klar abgrenzbaren Stadien:

Stadium 1 Im frühesten Stadium entzünden sich die Gelenke zwischen Kreuzbein und Becken, ohne dass ein herkömmliches Röntgenbild Veränderungen zeigt. Entzündungen sind meist nur im MRT sichtbar. Tiefe Kreuzschmerzen und morgendliche Steifigkeit sind die Hauptsymptome. Bei Bewegung verringern sich die Schmerzen. Zudem kommt Druckempfindlichkeit an Schlüsselbein, Rippen, Wirbeln, Darmbeinkämmen, Sitzbein, Hüfte, Fersen hinzu.
Stadium 2 Die Symptome verschlechtern sich schubweise. Schmerzen und die Beweglichkeit verschlechtern sich. Knöcherne Veränderungen an den Kreuz-Darmbein-Gelenken und der Wirbelsäule werden im Röntgenbild sichtbar.
Stadium 3 Entzündungsprozesse und Verknöcherungen kommen zum Stillstand. Die Wirbelsäule gleicht einem Bambusstab. In der Brustwirbelsäule bildet sich ein Buckel, während die Halswirbelsäule nach vorne geneigt ist. Durch diese vorgebeugte Haltung blicken Betroffene die meiste Zeit Richtung Boden. Die Atmung fällt schwerer.
Grafische Darstellung von Morbus Bechterew im fortgeschrittenen Stadium

Morbus Bechterew im fortgeschrittenen Stadium: Die Wirbelsäule verknöchern, in der Brustwirbelsäule bildet sich ein Buckel, während die Halswirbelsäule nach vorne geneigt ist.

Wie wird Morbus Bechterew diagnostiziert?

Die Diagnose von Morbus Bechterew erfolgt durch bildgebende Verfahren wir Röntgen oder MRT, wobei im MRT die Entzündungen früher und eindeutiger feststellbar sind. Außerdem können Entzündungsmarker im Blut getestet werden.

Konservative Behandlung von Morbus Bechterew und anderen rheumatischen Wirbelsäulenerkrankungen

Bei Morbus Bechterew ist wie bei allen anderen rheumatischen Erkrankungen eine frühzeitige Therapie entscheidend, um den Verlauf der Erkrankung aufzuhalten. Dafür kommen verschiedene schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente infrage. Diese werden individuell auf jeden Patienten abgestimmt.

Die medikamentöse Behandlung erfolgt im Rheumazentrum Ruhrgebiet.

Zusätzlich ist eine physikalische Therapie (Wärmebehandlung, Krankengymnastik) zur Symptomlinderung sinnvoll. Diese wird im Zentrum für Prävention, Therapie, Rehabilitation und sportmedizinische Diagnostik der St. Elisabeth Gruppe angeboten.

Auch eine Ernährungsumstellung kann zur Symptomlinderung beitragen.

Operative Behandlung von Morbus Bechterew

Im Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie kommen je nach Schwere und Art der Erkrankung unterschiedliche Verfahren zum Einsatz.

Aufrichte-Operation bei Morbus Bechterew 

Eine Aufrichte-Operation (Aufrichtungs-Osteotomie) ist eine Korrektur-OP zur Begradigung der Wirbelsäule bei stark fortgeschrittenem Morbus Bechterew. Hauptziel der Operation ist eine gerade Blickrichtung des Patienten. Sie wird heutzutage nur noch selten durchgeführt, da mittlerweile in den meisten Fällen eine axiale Spondyloarthritis frühzeitig behandelt und somit eine Versteifung der Wirbelsäule vermieden werden kann.

Bei der Aufrichte-Operation wird die verknöcherte Wirbelsäule durchtrennt und mit Schrauben begradigt. Der Operateur entfernt dabei einen kleinen Keil aus dem Knochen und fixieren die Haltung mit Stab-Schrauben-Systemen. Im Anschluss können Patienten wieder geradeaus blicken und frei atmen.

Bei der Operation handelt es sich um einen großen Eingriff, der mehrere Stunden dauert. Im Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie der St. Elisabeth Gruppe wird sie möglichst minimalinvasiv mit der sogenannten Schlüsselloch-Technik durchgeführt, was schonender für den Patienten ist. Dennoch handelt es sich um eine große Operation. Betroffene sollten also immer Nutzen und Risiken einer Aufrichte-Operation genau abwägen. 

Wirbelbruch-Operation: Stabilisierung der Wirbelsäule durch Spondylodese 

Betroffene mit einer versteiften Wirbelsäule sind anfälliger für Verletzungen der Wirbelsäule. Die versteifte Knochenstruktur bricht oft bei kleinen Stürzen oder leichten Unfällen. Ein Wirbelbruch bei Morbus Bechterew ist eine ernste Verletzung, da die versteifte Wirbelsäule wie ein langer Hebel wirkt und Brüche oft instabil durch alle Schichten verlaufen. Meistens ist eine sofortige Operation nötig, um die Stabilität wiederherzustellen und das Rückenmark zu schützen. Denn es besteht ein hohes Risiko für Nervenschäden oder Querschnittlähmungen. Oft muss bei einem Wirbelbruch ein Zugang zur Wirbelsäule von vorne und hinten erfolgen, um die Wirbelsäule zu stabilisieren. Die Bruchteile werden durch spezielle Schrauben und Platten fixiert (Spondylodese).

Operative Behandlung der rheumatoiden Arthritis

Auch bei anderen Spondyloarthritiden kann es zu Instabilitäten der Wirbelsäule kommen. Z. B. bei der rheumatoiden Arthritis. Bei einer rheumatoiden Arthritis ist an der Wirbelsäule vor allem die Halswirbelsäule – besonders der erste und zweite Halswirbel (Atlas und Axis) – von chronischen Entzündungen betroffen. In diesem Bereich kann es zu starken Gewebewucherungen (Pannus) kommen. Dabei handelt es sich um ein wucherndes, entzündliches Gewebe aus Bindegewebe, Blutgefäßen und Immunzellen. Es entsteht durch die chronische Entzündung der Gelenkinnenhaut, wächst tumorartig über den Knorpel und zerstört aktiv Knorpel sowie Knochen. Dies führt wiederum zu Gelenkfehlstellungen und Versteifungen. Auch das Rückenmark kann im fortgeschrittenen Stadium eingeengt sein.  

Um das wuchernde Gewebe zu entfernen, ist eine größere Operation notwendig. Dennoch ist dies oft minimalinvasiv möglich. Oft ist zusätzlich eine Stabilisierung (Spondylodese) erforderlich.

 

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